(1) Euwe,M - Aljechin,A [A84]
WCH Match, Holland 1935, 26th Game, 29.09.2010
[Richard Meyes]

Der fünfte Weltmeister Max Euwe, war ein vielseitiger Mann. Mathematiker, Ingenieur, Astronom, Computerfachmann und gegen Ende seines Lebens Präsident der FIDE. Euwe, seines Zeichens kein professioneller Schachspieler, besaß ein sehr tiefes Verständnis des Schachspiels und hatte ein exzellentes Gefühl für all seine Feinheiten. In seinen besten Jahren beschäftigte Euwe sich ausgiebig mit dem Übergang von der Eröffnung zum Mittelspiel, aber auch mit dem Endspiel. Seine größte Stärke war sein kombinatives Sehen. Aufgrund seines schachlichen Talents, dessen Ursprung rein taktischer Natur war, war Euwe in der Lage inkorrekte Kombinationen seiner Gegner zu erkennen und zu widerlegen, wie Aljechin einst bemerkte: "Er ist ein Taktiker, der sich dazu entschieden hat um jeden Preis ein guter Stratege zu sein." Nachfolgend die 26. Partie des Wettkampfes zwischen Euwe und Aljechin, zu dessen Zeitpunkt Euwe zum ersten Mal im Wettkampf mit 13:12 in Führung lag. Diese Partie, die auch als die Perle von Zandvoort bekannt ist, ist laut Kasparov Euwes größte kreative Errungenschaft des Wettkampfes, in welcher es Euwe gelang sich Aljechin in all seiner Pracht entgegenzustellen.

1.d4 e6 2.c4 f5!?
Ein interessante Wahl von Aljechin. Zum Zeitpunkt der Partie lag er zurück und musste mit Schwarz einiges riskieren, um sich die Möglichkeit auf einen Sieg zu erhalten.

3.g3 Lb4+ 4.Ld2 Le7
ein typisches Manöver. "Der Läufer nimmt dem Königsspringer das Feld d2, was Schwarz zusätzliche Chancen einräumt, das wichtige Feld e4 zu besetzen. Zusätzliche wird die Deckung des d4-Bauern durch die Dame blockiert, was in einigen Varianten zu Komplikationen führen kann." - Euwe.

5.Lg2 Sf6 6.Sc3 0-0 7.Sf3
[ebenfalls möglich ist 7.Sh3!? ]

7...Se4
ist laut Kasparov "eine eher seltsame Behandlung der Holländischen Verteidigung". Es war besser, mit 7...d5 eine Stonewall-Struktur herbeizuführen, was das Hinlocken des Läufers nach d2 rechtfertigen würde. [7...d5 ]

8.0-0 b6?!
"Eine dubiose Neuerung" - Kasparov. [Partie 24 verlief wie folgt: 8...Lf6 9.Sxe4 fxe4 10.Se1 Lxd4 11.Lxe4 Lxb2 12.Lxh7+ Kxh7 13.Dc2+ Kg8 14.Dxb2 Sc6 mit Ausgleich. - Kasparov.; 8...d5 ; 8...d6 ]

9.Dc2
[Es ist schwer zu verstehen, wieso Schwarz zulässt, was Weiß nicht spielt: 9.Sxe4!? fxe4 10.Se5 denn jetzt funktioniert 10...d6?! 11.Lxe4 dxe5 12.Lxa8 mit der Idee 12...c6? nicht wegen: 13.Lc3! Dc7 14.d5+- ]

9...Lb7 10.Se5
Weiß nutzt sein extra Tempo, da der Läufer auf e7 noch nicht nach f6 gezogen hat. [10.d5!? ; 10.Tad1!? ]

10...Sxc3 11.Lxc3!
[11.Lxb7 Sxe2+ 12.Kg2 Sxd4 13.Dd3 Sbc6 14.Sxc6 und jetzt ist 14...Sxc6 (14...dxc6 15.Lxa8 Dxa8 ist ebenfalls gut für Schwarz. - Euwe. 16.Dxd4?? c5+-+ ) 15.Lxa8 Dxa8 gut für Schwarz. - Euwe. 16.Dxd7?? Se5+-+ ]

11...Lxg2 12.Kxg2 Dc8 13.d5!
sichert einen leichten positionellen Vorteil, da sich die Möglichkeiten des Läufers auf c3 etwas verbessern und die des Läufers auf e7 etwas verschlechtern. - Euwe.

13...d6
sonst spielt Weiß f2-f4 gefolgt von e2-e4.

14.Sd3 e5 15.Kh1!?
ein amüsanter halb-Abwartezug, der die Bewertung der Stellung nicht beeinflusst. - Kasparov. Euwe dachte sich wohl, dass f2-f4 nicht davonrennt. [natürlich musste hier über 15.f4 e4 16.Sf2 Sd7 17.g4 nachgedacht werden, doch nach 17...Lf6! (17...Sf6 18.e3! ) 18.g5 Lxc3 19.Dxc3 De8 hat Weiß nichts besonderes und sein Vorteil verschwindet, sobald Schwarz seine Figuren entwickelt. - Kasparov.]

15...c6
[falls 15...Sd7 dann 16.Sb4! ; und im Falle von 15...c5 kann Weiß mit 16.b4 den Damenflügel aufreißen, wo Schwarz zusammenzubrechen droht.]

16.Db3!
mit der Drohung 17.c5! bxc5 18. Sxe5 dxe5 19.d6+

16...Kh8
hällt die Spannung aufrecht. [möglich war 16...c5 doch nach 17.f4 e4 18.Se1 erreicht der Springer das starke Feld e3 über g2. - Euwe.]

17.f4 e4 18.Sb4!
mit der Absicht 19.dxc5 nebst 20.Sd5.

18...c5 19.Sc2 Sd7 20.Se3 Lf6
Aljechin bietet ein Springeropfer an und hofft durch die taktischen Verwicklungen die Oberhand zu gewinnen.

21.Sxf5!
Eine gesunde Kombination, die Weiß klaren Vorteil verschafft. Man kann diesen Zug kaum als Opfer bezeichnen, da Weiß adequat für die Figur entlohnt wird. - Euwe. #

21...Lxc3 22.Sxd6 Db8 23.Sxe4 Lf6
musste gespielt werden. [23...Ld4?! 24.Sg5! (jedoch nicht: 24.e3? Te8 25.exd4 Txe4 und Schwarz behällt die besseren Chancen.) ]

24.Sd2!
mit der Drohung e2-e4-e5 usw. Die Konsequenzen von Weiß' 21. Zug sind jetzt klar. Weiß hat drei mächtige Bauern von denen zwei verbundene Freibauern im Zentrum sind, deren Vorrücken Schwarz früher oder Später mindesten eine Figur kosten wird. - Euwe.

24...g5!
Zweifelsohne die beste Gegenchance. Schwarz muss versuchen Gegenspiel in form eines Königsangriffs zu erlangen. Der Nachteil ist jedoch, dass Weiß nun drei verbundene Freibauern hat, deren Vorrücken nicht zu verhindern ist. Zusätzlich wird die Platzierung des schwarzen Springers zunehmend unangenehmer. - Euwe.

25.e4 gxf4 26.gxf4 Ld4 27.e5 De8 28.e6 Tg8!
ein starker Zug, der Schwarz Gegenspiel gibt und die Möglichkeit die Initiative zu übernehmen. - Kasparov.

29.Sf3
laut Euwe nicht der stärkste Zug. [besser war: 29.Dh3! was 1) den eigenen König schützt, 2) den Schwarzen König bedroht (Sd2-f3-g5) und 3) den Vormarsch der eigenen Bauern unterstützt. Schwarz ist hilflos: 29...Sf6 30.Sf3 Lxb2 31.Tab1 usw. - Euwe. Kasparov jedoch sieht keinen direkten Sieg für Weiß, denn nach 31...Ld4! 32.Sxd4 (32.Sg5 Tg7 ist ebenfalls unklar, da der Läufer noch am Leben ist.) 32...cxd4 sind die weißen Bauern blockiert und während Weiß damit beschäftigt ist den d4-Bauern zu fressen kann Schwarz seine figuren aktivieren. Zum Beispiel: 33.Dd3?! Dg6! 34.Dxg6 Txg6 35.Tbd1 Tag8 36.Txd4 Sg4 37.Td2 Se3 38.Te1 Sxc4 und nun ist es Weiß der Probleme hat.; natürlich nicht 29.exd7? De2!|^ ]

29...Dg6 30.Tg1!
ein sehr starker Zug. Weiß opfert einen ganzen Turm. [30.Sg5 Se5! mit vielversprechendem Gegenspel für Schwarz. - Euwe.]

30...Lxg1 31.Txg1 Df6?
verliert. - Kasparov. # [korrekt war 31...Df5 ]

32.Sg5! Tg7
Schwarz hat nichts besseres. [32...Txg5? 33.fxg5 Dd4 34.Dc3!+- und die Freibauern gewinnen.; 32...h6? funktioniert nicht 33.exd7 denn nach 33...hxg5?? gewinnt Weiß: 34.Dh3+ Kg7 35.Txg5+ Kf7 36.Tf5+- ]

33.exd7 Txd7 34.De3 Te7
[nicht aber 34...Dxb2 35.De6 - Euwe. Doch nach 35...Dg7 scheint es keinen direkten Gewinn zu geben. - Kasparov. Zum Beispiel: 36.Sf7+ Txf7 37.Txg7 Kxg7 38.De5+ Kg8 39.d6 Der weiße Vorteil ist jedoch nicht zu bestreiten.]

35.Se6 Tf8
[35...Dxb2 36.d6! ]

36.De5
führt zu einem gewonnenen Endspiel für Weiß, obwohl noch einige Kleinigkeiten zu beachten sind. - Euwe.

36...Dxe5 37.fxe5
Die folgenden Züge wurden in heftiger Zeitnot beider Spieler gespielt.

37...Tf5?!
[37...Txe6! ]

38.Te1 h6?!
[38...Txe6! ]

39.Sd8 Tf2 40.e6 Td2 41.Sc6 Te8 42.e7 b5
[42...Kg7 43.Te6 Txb2 44.d6 Td2 45.Se5+- ]

43.Sd8 Kg7 44.Sb7 Kf6 45.Te6+ Kg5 46.Sd6 Txe7 47.Se4++-
Der tapfere Springer hat in dieser Partie 19 von 47 Zügen gemacht. In einem Auszug des Berichtes über die 27. Partie heisst es: "Euwe war der erste der die Bühne betrat und begrüßte das Publikum mit einem erwärmenden Lächeln. Nach ihm kam Aljechin, ebenfalls lächelnd, doch jeder wusste, dass sich hinter diesem Lächeln das Verlangen nach Befriedigung einer grausamen und fanatischen Macht verbirgte. Die vielen hunderte Besucher beobachteten wie sich Aljechin ans Brett begab, mit einer seiner Katzen auf seinen Schultern sitzend. 'Schwarze Magie?!'. Wie dem auch sei, Aljechin gewann diese Partie und ließ den Ausgang des Wettkampfes bis zur letzten Partie offen, was den Holländer zur erschöpfenden Nervosität brachte." Nichts desto Trotz gelang es Euwe in der letzten und entscheidenden 29. Partie den wichtigen halben Punkt zu gewinnen, der ihn zum fünften Weltmeister machte. 1-0