(1) Capablanca,José Raúl - Marshall,Frank [C62]
USA 1909
[Richard Meyes]

Der Kubaner José Raúl Capablanca entriss 1921 in Havanna dem deutschen Dr. Emanuel Lasker nach dessen 27 jähriger Herrschaft über die Schachwelt den Titel. Später sollte Lasker sagen "Ich habe viele Schachspieler gekannt aber nur ein wirkliches Genie [...] und das war Capablanca." Als Capablanca 1909 als 20-jähriger eine Gastspielreise durch 27 amerikanische Städte antrat und von 602 Simultanpartien nur 13 verlor, 18 remisierte und 571 gewann war er in den USA ein neues Idol. Zum perfekten Triumph fehlte ihm lediglich ein Sieg über den amerikanischen Landesmeister Frank Marshall. Dieser glaubte gegen den kleinen kubanischen Jungen leicht zu gewinnen, war er doch schließlich schon gegen die weltbesten Spieler Lasker und Tarrasch angetreten, doch welch ein Irrtum. Capablanca gewann sensationell mit acht Siegen, einer Niederlage und 14 Remisen diesen Wettkampf und wurde seither in den USA "der kubanische Morphy" genannt und in seiner Heimat bis zum heutigen Tage als Nationalheld gefeiert. Nachfolgend die sechste Partie des Wettkampfes.

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5
eine spanische Partie. Später im Wettkampf sollte Marshall das heute nach ihm benannte Marshall-Gambit entdecken. Capablanca jedoch fand intuitiv die richtige Verteidigung und gewann auch diese Partie.

3...d6 4.c3 Lg4
Nach heutigem Stand der Eröffnungstheorie fragt sich mach Einer an dieser Stelle wohl, was der Läufer hier soll.

5.d3 Le7 6.Sbd2 Sf6 7.0-0 0-0 8.Te1 h6
Ist ebenfalls ein Zug, bei dem sich manch einer die Frage stellt, wozu?

9.Sf1 Sh7 10.Se3 Lh5
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11.g4!?
Eine interessante Idee von Capablanca. Die Stellung ist geschlossen, sodass der Vorstoss des g-Bauern und die damit verbundene Auflösung des Bauernschildes des weissen Königs eine untergeordnete Rolle Spielt. Wichtiger ist, dass der Läufer nach g6 gezwungen wird, was dem weissen Springer ein ideales Feld auf f5 beschert.

11...Lg6 12.Sf5 h5?!
öffnet das Spiel an dem Flügel, an dem Weiß ohnehin angreifen will. [ein wenig besser war vielleicht 12...Sg5 mit dem Versuch ein paar Figuren zu tauschen um die Stellung ein wenig zu vereinfachen.]

13.h3
[Es bieten sich hier bereits taktische Möglichkeiten, doch Capablanca hatte andere Pläne. 13.Lxc6!? bxc6 (falls: 13...Lxf5 dann einfach: 14.gxf5 bxc6 und: 15.d4!?+/= ) 14.Sxe5! dxe5 15.Sxe7+ Dxe7 16.gxh5 Lxh5 17.Dxh5+/- ]

13...hxg4
[13...Lg5 ]

14.hxg4
Nun ist die h-Linie offen, die Schwarz letzten Endes zum Verhängnis wird.

14...Lg5 15.Sxg5 Sxg5 16.Kg2 d5
Schwarz versucht den Angriff am Flügel mit einem Gegenstoß im Zentrum zu kontern.

17.De2
[17.exd5? Dxd5+-/+ ]

17...Te8
schafft dem König ein wenig mehr Platz.

18.Th1
und nun besetzt Weiß die offene Linie, ganz nach Plan.

18...Te6?
Scheint ein Fehler zu sein.

19.De3
[Es ist nicht davon auszugehen, dass beide Spieler die folgende Fortsetzung übersehen haben. Vermutlich war sich Marshall der positionellen und strategischen Stärke seines Gegners bewusst und wollte die Partie in etwas taktischere Bahnen leiten, Capablanca jedoch hatte andere Pläne. 19.Lxg5! Dxg5 20.exd5+- Es ist jedoch fraglich ob die etwas offene Königsstellung von Weiß genügend Kompensation für das Qualitätsopfer bietet. 20...Lxf5 21.dxe6 Lxe6 (oder aber: 21...Lxg4 22.De3! Dg6 23.exf7+ Dxf7 (falls: 23...Kxf7 so genügt das einfache 24.Dg3 ) 24.Lxc6 bxc6 25.Th4 und wieder kann sich Weiß nicht beklagen.) 22.Lxc6 bxc6 23.Th5 und Weiß hat keinerlei Probleme.]

19...f6
erzwungen. Der Springer ist gedeckt, doch nun bieten sich neue Möglichkeiten auf der Diagonalen b3-g8.

20.La4 Se7 21.Lb3
besetzt die besagte Diagonale.

21...c6 22.Dg3 a5
ein verzweifelter Versuch auf Gegenspiel.

23.a4 Sf7 24.Le3
und alle weißen Figuren sind entwickelt. Nun kann Weiss seinen Plan in der h-Linie ausführen.

24...b6 25.Th4
[interessant war hier auch 25.f4!? mit der Idee Sxe7+ nebst f5. 25...exf4 26.Lxf4 Se5 27.Dh3 Kf7 28.Tae1+/- mit klarem Vorteil für Weiß.]

25...Kf8 26.Tah1
[26.f4!? war wieder möglich.]

26...Sg8
Ein Zug, der sicherlich nicht leicht fiel.

27.Df3
nutzt unverzüglich aus, dass der Springer auf g8 nun nicht mehr den Bauern d5 deckt.

27...Lxf5 28.gxf5 Td6
Schwarz hat nun endlich den lästigen Springer auf f5 beseitigt, doch er kommt vom Regen in die Traufe.

29.Dh5
[auch möglich und vielleicht sogar etwas stärker war hier 29.Th7! was das die Schwäche g7 ins Visier nimmt, jetzt, da auch noch die g-Linie gegen den schwarzen König geöffnet ist. Falls nun 29...Sg5 dann einfach 30.Lxg5 fxg5 31.T1h5+- mit klarerm Vorteil.]

29...Ta7 30.Dg6 Sfh6?
# Die Zeit ist gekommen aus dem großen positionellen Vorteil taktisch Kapital zu schlagen. [zäher war 30...Se7 ; oder 30...Sg5 ]

31.Txh6!
Wie so oft sind derartige taktische Möglichkeiten die zwangsläufige Folge einer überlegenen positionellen Stellung. [ebenfalls möglich war 31.Lxh6 Sxh6 32.Txh6 gxh6 33.Txh6+- ]

31...gxh6
[31...Sxh6 32.Lxh6 gxh6 33.Txh6+- ]

32.Lxh6+ Ke7 33.Dh7+ Ke8 34.Dxg8+ Kd7 35.Dh7+ De7 36.Lf8! Dxh7 37.Txh7+ Kc8 38.Txa7
und Schwarz gab auf. "Das war eine meiner besten Partien." sollte Capablanca zehn Jahre später sagen. "Capablanca lebte wirklich von seinem Naturtalent, was der Andere in einem Monat nicht sah, das sah er in einem Augenblick." schrieb Fine über Capablanca. "Schach war wahrlich seine Muttersprache." Capablanca sagte einst "Ich weiss nicht warum ich diesen Zug mache, aber ich weiss, dass er gut ist." 1-0