(2) Reti,Richard - Aljechin,Alexander [A00]
Baden-Baden 1925 Hamburg
[Richard Meyes]

Einer der größten in der Ruhmeshalle des Schachs belibt Alexander Aljechin. Nach der Oktoberrevolution 1917 soll ihm, der aus einer Moskauer Aristrokatenfamilie stammte, der Schachbegeisterte Troitzky selbst das Leben gerettet und die Ausreise aus Russland ermöglicht haben. Doch Aljechin war nicht nur einer der größten, sondern auch einer der besessensten aller Zeiten. Stundenlang konnte der promovierte Jurist in Cafés sitzen und Patzern beim Spiel zuschauen. Er war ein Mensch extremer Lebensgier, gefürchtet wegen seiner Herrschsucht und Wutausbrüche, berüchtigt wegen seiner Alkoholexszesse. Kurz vor seinem Tod im Frühjahr 1966 in Lisabon besucht er einen Bekannten und sagt ihm "Die Einsamkeit bringt mich um. Ich will Leben und Leben spüren, bring mich bitte irgendwo hin, wo es fröhlich ist." Der Bekannte bringt ihn in eine Musikhalle und Aljechin, er redet nur über Schach. Zwei Tage später stirbt er in seinem bescheidenen Hotelzimmer. Herzinfarkt... Selbstmord... in jedem Fall schwer alkoholkrank. Lange Zeit konnte sein Genie dem Alkoholdämon trotzen und phantastisches aufs Brett zaubern. Aljechin, das Vorbild Kasparovs, war einer der größten Kombinationskünstler aller Zeiten. Sein Gegner in der nachfolgenden Partie ist der Tschechische Meister Richard Reti, auf den grundlegende neue Prinzipien der Eröffnungsstrategie zurückgehen wie z.B. das zurückhaltende 1.g3 oder auch 1.Sf3.

1.g3 e5 2.Sf3 e4 3.Sd4 d5 4.d3
ironischer Weise nimmt die Eröffnung das Muster der Aljechin-Verteidigung mit vertauschten Farben an.

4...exd3 5.Dxd3 Sf6 6.Lg2 Lb4+ 7.Ld2 Lxd2+ 8.Sxd2 0-0
Beide Seiten spielen bis jetzt natürliche Entwicklungszüge.

9.c4!
typisch für eine derartige Eröffnungsstrategie (vgl. Grünfeld-Indische Verteidigung). Weiß überlässt seinem Gegenüber in der ersten Zügen das Zentrum, welches jedoch mit der Unterstützung des fianchettierten Läufers zeitig unter Beschuss genommen wird.

9...Sa6
[möglich war hier auch 9...c5!? 10.Sc2 d4 was dem Lg2 jedoch vorerst freie Bahn gibt.; oder 9...c5!? 10.S4b3 Sa6 11.cxd5 Sb4 mit einem ähnlichen Manöver wie in der Partie.]

10.cxd5 Sb4 11.Dc4 Sbxd5 12.S2b3 c6 13.0-0
Weiß schließt die Entwicklung ab.

13...Te8 14.Tfd1
Während Weiß auf Spiel in der offenen d-Linie setzt...

14...Lg4
...versucht Schwarz Druck über die halboffene e-Linie aufzubauen.

15.Td2 Dc8
mit der Intention den starken weißfeldrigen Läufer zu tauschen.

16.Sc5
Ein schönes Vorpostenfeld für den Springer. Wird dieser mittels b7-b6 vertrieben, so gewinnt der Läufer auf g2 entlang der Diagonalen h1-a8 enorm an Bedeutung. Außerdem versucht der Springer hier den Läufertausch zu verhindern, da der Bauer auf b7 dann hängt... oder etwa nicht?

16...Lh3! 17.Lf3!
[Falls 17.Lxh3 Dxh3 dann wäre 18.Sxb7? in eine böse Falle getappt: 18...Sg4 19.Sf3 Sde3! 20.fxe3 Sxe3 21.Dxf7+! und jetzt: 21...Kh8! (jedoch auf keinen Fall: 21...Kxf7?? 22.Sg5++- ) 22.Sh4 Tf8 23.Sd6! Txf7 (die Idee 23...g5? scheitert an 24.Td3! ) 24.Sxf7+ Kg8 25.Sg5 Dg4-/+ und Schwarz sollte dank seinen aktiven Figuren und dem offenen weißen König gewinnen.]

17...Lg4 18.Lg2 Lh3 19.Lf3 Lg4
Remis gefällig?

20.Lh1
Nein!

20...h5
Schwarz spielt am Königsflügel...

21.b4
und Weiß am Damenflügel.

21...a6
lässt das unangenehme e4 zu. [möglich war: 21...Sb6 22.Db3 Sbd7 doch hier muss Schwarz sich eventuell mit folgendem Abspiel zurechfinden. 23.Sxb7!? Dxb7 24.Lxc6 Db6 25.Lxa8 Txa8 26.f3 mit asymmetrischer Materialverteilung. Es ist nicht so ganz klar, ob der zusätzliche Turm und die Möglichkeit ein starkes Zentrum mit e2-e4 aufzubauen die Abwesenheit des weißfeldrigen Läufers kompensieren.]

22.Tc1
[22.e4! Sb6 23.Db3 Sbd7 24.f3 und nun: 24...Sxc5 25.bxc5 Ld7 In der erreichten Stellung sieht der weiße Läufer auf h1 nicht ganz glücklich aus, doch es ist fraglich ob sein Gegenstück auf d7 viel besser steht. In jedem Fall hat Weiß großen Raumvorteil am Damenflügel, mehr Einfluss im Zentrum und vor allem die Angriffsmarke b7 und sollte hier etwas besser stehen.; 22.e4! Sb6 23.Db3 Sbd7 24.f3 oder aber: 24...Lh3 25.Lg2 Lxg2 26.Kxg2 Auch in dieser Variante sollte Weiß dank seiner Zentrumskontrolle und seinem Raumvorteil am Damenflügel etwas besser stehen.]

22...h4!
Der Anfang eines genialen Angriffs.

23.a4 hxg3 24.hxg3 Dc7!
möglicherweise war sich Reti dem Vorhaben seines Gegners garnicht bewusst.

25.b5
ganz folgerichtig. [immernoch möglich war hier 25.e4 ]

25...axb5 26.axb5
# Beide Seiten haben ihre Bauern an den entsprechenden Flügeln vorgeschoben und nachdem der schwarze h-Bauer verschwunden ist fragt man sich, wie der Angriff weitergehen soll, zumal Weiß am Damenflügel klar die Oberhand hat. Die Abwesenheit des weißen h-Bauern jedoch bietet Platz für einige taktische Möglichkeiten.

26...Te3!!
Der Zug ist keineswegs das Ende für Weiß, doch wenn eine Partie 25 Züge lang genau nach Plan verläuft, und man dann solch ein Ding vor die Nase gesetzt bekommt ist es nicht leicht die richtige Verteidigung zu finden.

27.Sf3?!
Ist nicht die stärkste Verteidigung. Die Deckung des Bauern b5 wird zu sehr vernachlässigt und erlaubt es Schwarz nun die erstaunicher Weise unglückliche Platzierung der weißen Dame auszunutzen. [Vorteil konnte Weiß mit 27.Kh2 Lh5 28.Lf3 erhalten. (zum Remis führt. 28.fxe3? Sxe3 29.Dc3 Sfg4+ 30.Kh3 Sf2+= mit Dauerschach, denn 31.Kh4?? geht matt: 31...Dd8+ 32.Kxh5 g6+ 33.Kh6 Seg4# ) ]

27...cxb5 28.Dxb5 Sc3!
Die weiße Dame ist gezwungen die Diagonale a6-f1 zu verlassen und die Deckung des e2-Bauern aufzugeben.

29.Dxb7 Dxb7 30.Sxb7 Sxe2+
# Aus der anfänglich ruhigen strategisch geprägten Partie ist ein einziger taktischer Sumpf geworden, in dem sich Aljechin nur allzu wohl fühlen musste.

31.Kh2
Schwarz hat nur einen Zug der den Gewinn sichert. Nach [möglich war vielleicht: 31.Kf1 doch dann: 31...Sxg3+! 32.fxg3 Lxf3 33.Lxf3 Txf3+ 34.Kg2 Taa3 und Weiß hat den zwei verbundenen Bauern von Schwarz nicht mehr viel entgegenzusetzen.]

31...Se4!
scheint die taktische Sitiation nur für einen der beiden Spieler gut auszugehen. [nach 31...Sxc1 32.fxe3 ist nichts mehr los.; ebenfalls ist nach 31...Lxf3 32.Lxf3 Sxc1 33.fxe3 nicht mehr viel los.; und auch 31...Txf3 32.Txe2 führt nicht mehr zu viel.]

32.Tc4 Sxf2
[nun nicht: 32...Lxf3? denn dann: 33.Txe4! Lxe4 34.fxe3 Lxh1 35.Kxh1 Sxg3+ 36.Kg2 und wieder ist nicht mehr allzuviel los.]

33.Lg2 Le6
[etwas direkter war war vielleicht. 33...Ta6! mit der Drohung ...Th6+.]

34.Tcc2 Sg4+
mit einem tödlichen Abzugsschach.

35.Kh3
[35.Kh1? führt zum Matt: 35...Ta1+ 36.Lf1 Txf1+ 37.Kg2 Tf2+ 38.Kh1 Texf3! 39.Txe2 Th2+! 40.Kg1 (40.Txh2 Tf1+ 41.Kg2 Se3# ) 40...Tf1+! 41.Kxf1 Th1+ 42.Kg2 Ld5+ 43.Te4 Lxe4# ]

35...Se5+ 36.Kh2 Txf3! 37.Txe2
[37.Lxf3 Sxf3+-+ ]

37...Sg4+
und noch einmal.

38.Kh3 Se3+ 39.Kh2 Sxc2 40.Lxf3
[40.Txe6 Tf2-+ ]

40...Sd4 41.Tf2
[41.Txe6 Sxe6-+ ]

41...Sxf3+ 42.Txf3 Ld5-+
und das Schicksal des Weißen ist besiegelt. 0-1